Interview mit dem Autor Thorsten Boose
Thorsten Boose
ist mit 23 Jahren bereits ein hochambitionierter und seriöser Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher. Sein neuestes Buch, „Hongkong, meine Liebe“, das er mit seiner Ko-Autorin Silke Oettel gemeinsam geschrieben hat, ist ein spezieller Reiseführer. Im Oktober 2009 erschienen, hat es bei Liebhabern der Stadt Hongkong, die die Metropole auf eine andere Art und Weise erleben wollen sowie unter Jackie-Chan-Fans, reges Interesse geweckt. Offenbar hat Thorsten Boose ein gutes Gespür für Spezialthemen, denn auch sein Buch „Der deutsche Jackie Chan Filmführer“, das er im November 2008 auf den Markt brachte, ist eine recherchierte Sammlung, die es so zuvor noch nicht gegeben hat.
Bücher zu schreiben erfordert viel Zeit und ist eine Fleißarbeit. Dies gilt bei Fachbücher, sowohl für das Schreiben als auch für gewissenhaftes Recherchieren, besonders. Wir wollten wissen, wer hinter diesen Büchern steckt und haben Thorsten Boose zu einem Interview über seine Arbeit als Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher eingeladen:
In welchem Lebensabschnitt entdeckten Sie, dass das Schreiben für Sie an Bedeutung gewann und zu einem bewussten und gezielten Prozess wurde?
T.B.: Das klingt jetzt wahrscheinlich nach dem Standard-Blabla, um sein Ansehen zu festigen oder die melancholische Seite im Leser zu wecken, aber ich habe wirklich schon als Kind meine Ideen notiert oder anderweitig kreativ ausgelebt. Ich hatte früher sogar selbst geschriebene Witzehefte und eigene Daumenkinos zusammengebunden! (lacht) Aber so richtig intensiv habe ich mich mit dem Schreiben erst mit 16 oder 17 Jahren befasst. Damals ging es um Kurzgeschichten und Ideen für Filme. Als ich einige Erfahrungen im Videobereich gesammelt hatte, trieb es mich quasi von selbst zurück in die Schriftstellerei. Ich habe bewusst meine Gedanken niedergeschrieben, um eine sehr schwere Zeit aufzuarbeiten. Schon vorher wollte ich immer künstlerisch tätig sein und war es auch, und seitdem habe ich das ausgebaut und schreibe heute vor allem über Sachthemen.
Haben Sie eine schriftstellerische Ausbildung gemacht oder wie haben Sie sich auf Ihrem Weg weitergebildet?
T.B.: Meine Schulzeit rechne ich hier mal nicht als Referenz an, die Zwangslektüre war nie was für mich. Den Großteil meines Wissens habe ich mir durch „learning by doing“(Entschuldigung für den Anglizismus!) angeeignet. Und durch die enorm vielen Kontakte zu Kollegen und den Austausch habe ich ebenso dazugelernt. Eine wirkliche Ausbildung zum Schriftsteller gibt es ja nicht, man kann höchstens Literaturwissenschaft oder derartiges Theoretisches studieren. Das hat aber wenig mit dem eigentlichen Dasein als Schriftsteller zu tun. Ich hatte aber knapp zwei Jahre lang einen Drehbuchautorenlehrgang belegt, als ich im Filmbereich noch aktiver war, und habe diesen Lehrgang dann auch mit sehr gut abgeschlossen. Das war und ist mir immer noch sehr wichtig!
Ihr erstes Buch „Boose-Nacht-Geschichten“ erschien im April 2008. Der Titel suggeriert, dass es sich um ein Vorlesebuch für Kinder handelt. Die eher düster gestaltete Aufmachung des schwarzen Covers spricht dem allerdings entgegen. Wie ist dieses Buch entstanden und für welche Zielgruppe ist es gedacht?
T.B.: Ganz ehrlich, das Buch ist Schrott. Jedenfalls was den Buchsatz angeht. Das Buch beinhaltet Kurzgeschichten, Essays und Gedichte, die ich größtenteils während einer Phase meines Lebens schrieb, in der es mehr als einmal beinahe mein Leben gekostet hätte. Der ganze Dreck musste dann raus. Für die Anspielung im Titel habe ich viele Komplimente erhalten, sogar für das Buch selbst, also meine Texte. Es überraschte mich, dass es sich relativ gut verkaufte, da es eigentlich ein Privatprojekt war und ich es nicht an die große Glocke hing. Ich kam damals durch eine Bekannte auf den Gedanken, meine Texte zu veröffentlichen. Ich wollte Erfahrungen sammeln. Es gab aber auch einige Leser, die das Buch komplett missverstanden und zerrissen haben; teilweise wurde ich auch persönlich angegriffen. Viele haben wohl nicht beachtet, dass das Lyrische Ich, nicht zwangsläufig der Sicht des Autors gleichgestellt ist, und nahmen die Texte viel zu persönlich. Sie waren auch wirklich schwere Kost, aber ich stehe hinter jedem einzelnen dieser Texte..
„Der deutsche Jackie Chan Filmführer“ ist kein Buch für die breite Masse der Leser. Was hat sie dazu bewogen, es dennoch zu schreiben?
T.B.: Das stimmt. Ich bin seit meiner Kindheit Fan von Jackies Arbeiten, nicht nur den Filmen. Über die Jahre hinweg habe ich Unmengen an Informationen wie ein Schwamm aufgenommen und immer wieder gemerkt, dass manche Sachen einfach falsch oder nur halbwahr waren. Es gab nie wirklich eine einheitliche Filmographie von Jackie Chan, nicht mal im Internet! Wer die Wirren des Hongkong-Kinos kennt, weiß, wie schwierig es ist, dort einen Überblick zu wahren. Ich habe mich dann in der Lage dazu gesehen, die erste wirklich fundierte Filmographie über Jackie Chan in Buchform zu schreiben. Mir ging es um einen neuen Standard, ein Sammelwerk, in dem Fans zu jedem Film schnell die Basisdaten und etwas mehr finden. Deutschland weist in ganz Europa die größte Anhängerschaft an Chan-Fans auf, also hat das Buch doch eine breitere Masse, als man denken könnte – die Cineasten mal außen vorgelassen.
„Hongkong, meine Liebe“ ist der Titel eines Musikalbums von Jackie Chan, stimmt das? Das Buch enthält faszinierende Fotos der Stadt. Haben Sie Ihr Herz an Hongkong verloren oder weshalb haben Sie gerade diese Stadt für einen Reiseführer ausgesucht?
T.B.: Ja, das ist richtig, 1988 brachte er das Album „Hong Kong, my Love“ auf den Markt. Silke Oettel und ich hielten die Übersetzung des Titels für perfekt geeignet, was unser Projekt anging. Kurz nach der Veröffentlichung von meinem Filmführer kam ich näher mit Frau Oettel in Kontakt und wir unterhielten uns privat über allgemein interessante Themen aus Fernost. Sie gab mir dann einen Link zu einer Seite, und dort las ich einen sehr schön beschriebenen Reisebericht über Hongkong mit einigen Fotografien von ihr auf englisch. Da wir beide schon solange Fans von Jackie Chan sind, kamen wir gleichzeitig auf die Idee, beide Themen zu verbinden. Silke Oettel ist eine wahre Hongkong-Expertin. Während wir dieses Interview führen, befindet sie sich schon wieder dort! Beneidenswert, aber auch ich mag einfach die Gegensätzlichkeit in Hongkong: Man steht in einer Millionenmetropole auf offener Straße und blickt geradewegs auf einen jahrhundertealten Tempel. Hongkong hat einfach ein gewisses Flair, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Sie veröffentlichen Ihre Arbeiten nicht nur in Büchern, sondern beschäftigen sich in diversen Blogs im Internet auch intensiv mit einer Vielfalt von Themen, die einen weiten Bogen spannt, von Hausfrauentipps über Oldtimer, moderne Medien, Gesundheit bis hin zu Philosophie. Was treibt Sie, sich mit so vielen unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen?
T.B.: Ich kann nicht anders! (lacht) Ernsthaft, wenn ich eine Idee habe, notiere ich sie schnellstmöglich, weil ich weiß, dass mein Schädel sonst irgendwann platzen würde. Täglich kommen neue hinzu. Meine Artikel im Wissensarchiv Philognosie® sind auf der einen Seite eine gute Übung für mich und auf der anderen Seite bloße Neugier. Wenn ein Thema meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, verfolge ich es gespannt weiter. Ich brauche ständig etwas Neues. Tagein tagaus immer wieder dasselbe zu tun – das halte ich nicht aus auf Dauer. Zudem lernt man viele nette Leute kennen, die ihr Handwerk verstehen, und weitaus mehr übers Leben selbst. Davon kann man zehren.
Aktuell beschäftigen Sie sich mit der Philosophie des Tao Te King. Woher rührt Ihr Interesse für asiatische Kultur?
T.B.: Eine gute Freundin der Familie sagte mir einmal „Du warst in deinem früheren Leben mal ein Asiate, das sieht man noch in deinen Augen“. An meinen Augen sieht man es jedenfalls nicht. Ich kann nicht wirklich sagen, warum ich mich dafür interessiere. Ich glaube aber, dass es was mit der Mentalität zu tun hat. Ich halte die Menschen in Südostasien einfach für viel weiter entwickelt als wir hier in den sogenannten Industrieländern; ich meine das auf einer geistigen, ethischen Ebene. Was bringen mir schon zehn Luxusautos, wenn ich nicht Autofahren kann? Ich halte unsere europäische Kultur, die wirkliche Kultur, aber deswegen nicht für minderbemittelt oder gar uninteressant. Wir können alle noch sehr viel voneinander lernen.
Auf welchen Blogs können Leser Sie derzeit im Internet finden?
T.B.: Ich betreibe seit 2008 meinen eigenen Blog, indem ich immer mal wieder Neuigkeiten oder Beiträge zu aktuellen Themen einstelle. Dort findet man auch alle Informationen über meine Bücher und alles andere. Und dann veröffentliche ich regelmäßig jeden Freitag bei „Ein Buch lesen!“ Beiträge meiner Kolumne „Die Philosophie des Tao Te King“. In dieser Autorengemeinschaft tummeln sich nicht nur richtige Profis und Schwerstarbeiter, sondern auch überaus liebe Menschen, die einem ständig mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Herr Boose, Sie arbeiten nicht nur an Sachbüchern, sondern schreiben auch Drehbücher und widmen sich dem Filmemachen. Was war der Auslöser, sich diesem Metier zuzuwenden?
T.B.: Filme sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Es gibt ein paar Filme, die so sehr mit mir selbst verknüpft sind, dass sie mich geprägt haben. Einen Auslöser gab es da nicht wirklich, es war wieder mal das reine Interesse, dieses Metier auszukosten. Ich hatte gute Ideen, und die wollte ich mir auch anschauen und verbreiten können. Man muss halt alles selbst machen, wenn es richtig werden soll. (lacht) Übrigens darf man nicht den Fehler machen, einen Filmemacher mit einem Regisseur gleichzusetzen! Regisseure gibt es unzählige, aber wirkliche Filmemacher, die aus Liebe zur Kunst agieren, sind rar geworden. Das dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass heutzutage in dieser ekelhaften Hektik kein Platz für Passionen mehr ist, es geht meist nur um schnelles, sehr schnelles Geld.
Schreiben Sie aktuell an einem Drehbuch?
T.B.: Ich überarbeite zur Zeit mein erstes Theaterstück, wieder was anderes. Ein Filmdrehbuch erfordert sehr viel Geduld, Ausdauer und vor allem Zeit, wenn es gut werden soll. Ich habe bereits während meines Lehrgangs zum Drehbuchautor eine bedeutsame Idee verfolgt und ausgebaut. In meinem Archiv stapeln sich bestimmt an die 250 Konzepte. Momentan liegt das Filmemachen eher auf Eis, ich widme mich vorübergehend anderen Dingen. Aber für die Zukunft ist auch in diesem Bereich schon vorgesorgt. Ich denke da an Dokumentarfilme und ähnliches — es sollte nützlich sein.
Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Arbeit als Filmemacher schildern?
T.B.: Wie gesagt, momentan dreht sich dieses Rad nicht. Ich begann 2004, mir eine wirklich kleine, aber gemütliche Filmfirma mit Schulfreunden aufzubauen. Eigentlich entstand das wieder nur aus Jux, und zu Anfang waren es mehr Privatprojekte, Ferienvideos und Persiflagen. Mit der Zeit habe ich dann meine Leidenschaft für den Kurzfilm entdeckt, eine Herausforderung, und habe mir viele angesehen. Die Drehbücher waren dann schnell geschrieben, die Filme abgedreht und es kamen die ersten Aufträge rein. An Wettbewerben oder Vorschauen war ich damals nicht interessiert. Tja, und 2007 war ich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr in der Lage, das alles zu verfolgen. Seitdem läuft alles im Hintergrund ab, um beim zweiten Anlauf wirklich das Ziel zu erreichen.
Wäre in Ihrer beruflichen Laufbahn auch die Arbeit als Redakteur einer Zeitung oder als Regisseur in der Filmbranche denkbar?
T.B.: Definitiv. Mein eigentliches Ziel, das ich mir schon während meiner Schulzeit gesetzt hatte, war ein Regiestudium in der Hauptstadt. Ich hatte rund 75% vorbereitet und dann musste ich es aufschieben. Als Redakteur konnte ich schon einige Erfahrungen sammeln. Mit Freunden habe ich jahrelang im Hintergrund gut zusammengearbeitet, und vor über einem Jahr wurde ich dann Chef-Redakteur ihrer beliebten Internetplattform, auf der sich vor allem junge Szenegänger tummelten. Das sollte man nicht überbewerten, aber es war eine Erfahrung, die ich nicht missen wollte, und ich bin meinen Kollegen und Freunden für ihr Vertrauen dankbar. Wie sich alles entwickeln wird, muss ich abwarten. Fakt ist aber, dass ich die Filmbranche für mich in Erwägung ziehe.
Welches sind Ihre aktuellen Projekte?
T.B.: Neben meinen Artikeln und meiner Kolumne arbeite ich, wenn es die Zeit zulässt, an meinem Theaterstück und bereite mein nächstes Buchprojekt vor. Das erfordert wieder einmal viel Recherchearbeit! Außerdem betätige ich mich gerade als Übersetzer bei einem äußerst interessanten englischsprachigen Buch. Mehr kann ich dazu aber leider noch nicht sagen.
Welche Ziele haben Sie in der nahen und in der fernen Zukunft?
T.B.: Mein Ziel ist es, mich als Schriftsteller – oder Schreiberling allgemein – zu etablieren. Das erfordert Geduld, Zeit und viel Ausdauer, aber das ist momentan meine einzige Perspektive, die mich glücklich macht. Im Grunde genommen geht es doch immer darum, dass man ein glückliches Leben führen kann, oder? Wie man das anstellt, sollte größtenteils egal sein, solange es niemandem schadet. Und durch meine Tätigkeit als Schriftsteller und Filmemacher habe ich mir in jungen Jahren schon Wünsche selbst erfüllt und Ziele erreicht, die Jahre zuvor noch in weiter Ferne lagen. Es ist also machbar.
Welchen Rat können Sie anderen Autoren mit auf den Weg geben, der Ihnen beim Schreiben und Veröffentlichen geholfen hat?
T.B.: Ich weiß nicht, ob ich für diese Frage schon kompetent genug bin. Dennoch lese ich oft von Erstautoren oder Hobbyautoren, wie unsicher und auf welchem niedrigen Wissensstand sie sind. Man sollte sich schon ernsthaft mit dem auseinandersetzen, was man tut, andernfalls kann es unverantwortlich werden. Ein ungelernter Koch mit eigenem Restaurant mag vielleicht denken, dass Glutamat ein leckeres chinesisches Gewürz sei, und fügt seinen Gästen so unwissentlich Gesundheitsschäden zu. Nur als Beispiel. Mein Tipp: So viel Wissen wie möglich aneignen, auch aus den unterschiedlichsten Quellen. Dann sollte man für sich abwägen, welche Themen einem wichtig sind, worin man Kompetenz vermitteln kann. Bitte keine Mitläuferlektüre, davon gibt es bereits zu viel und mich selbst ödet sie nur noch an. Der Rest ist Übung, Übung, Übung, und die macht ja bekanntlich den Meister.
Vielen Dank für dieses Interview, Herr Boose. Das Autoren-im-Web-Team wünscht Ihnen für die Zukunft viel Erfolg! Wir freuen uns auf weitere Arbeiten von Ihnen.
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