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Woran schreiben Sie denn grad?

Geschrieben am 3. Juni 2010 – 18:114 Kommentare

Schreibblockade 150x150 Woran schreiben Sie denn grad?Heute fand ich einen netten Artikel auf dem Blog von Karl Olsberger.

Er beschreibt dort sehr schön, was ihm passiert, wenn er gerade an einem neuen Projekt schreibt und Menschen sich danach erkundigen.

Ich weiß nicht, ob es vielen Autoren so geht, ich jedenfalls konnte das absolut nachvollziehen. Und ehrlich gesagt, bin ich froh, dass es anderen auch so geht. Es ist eine kleine aber nicht unwichtige Angelegenheit in Sachen Schreiben.

Sobald nämlich Freunde oder Bekannte nachfragen, an was man gerade arbeitet, geschieht etwas Seltsames: Gibt man preis woran man gerade schreibt, saust eine Art Fallbeil herunter und schneidet den Autor von seiner Geschichte ab. Zack! Und dann schleicht sich ziemlich schnell das Gefühl ein, dass man seine Story eigentlich gar nicht mehr schreiben braucht, oder keine Lust mehr hat dazu. Oder dass sie doch eigentlich nicht so gut ist, dass sie es Wert wäre aufgeschrieben zu werden. Dieses Phänomen hat absolut nichts damit zu tun, dass vielleicht jemand eine abwertende Bemerkung gemacht hat. Im Gegenteil, selbst wenn einem wohlwollendes Schulterklopfen mit auf den Weg gegeben wird – der Zauber ist in dem Augenblick gebrochen, wo einfach nur Fakten und Informationen über ein werdendes Buch ausgesprochen werden.

Ungeschriebene Bücher gedeihen besser im stillen Kämmerlein

Ich dachte immer, dass wäre ein Tick von mir, denn tatsächlich kenne ich das ganz genauso. Habe ich eine Idee im Kopf, muss sie solange gut geschützt vor der Außenwelt verborgen bleiben, bis der letzte Satz geschrieben ist. Meine Erklärung dafür ist, dass sich irgendwelche uralten Zensoren, die im Unterbewusstsein herumspuken genau in dem Augenblick zuschlagen, in dem man mehr oder weniger freudig von seiner gegenwärtigen Arbeit erzählt. Möglicherweise – und das ist ja gerade bei Autoren und Schriftstellern recht oft der Fall, ein Trauma aus der Kinderzeit, wo das Schreiben von Geschichten noch nicht so gut von der Hand ging und man eher ein mitleidiges Lächeln erntete als Anerkennung. Oder es ist einfach die innere Spannung und das Wissen darüber, dass man an einer Geschichte schreibt, die kein anderer als man selber kennt, ich habe keine Ahnung. Die Gründe sind vermutlich auch sehr vielfältig.

Letztlich spielt es keine Rolle, weshalb das so ist. Wer diesen Effekt selber schon erlebt hat, der weiß, dass er gut daran tut, so zu tun, als arbeite er gerade nicht an einem Buch. Das ist reiner Selbstschutz und völlig legitim. Oder?

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4 Kommentare »

  • federtexte sagt:

    Guten Tag,

    danke für diesen Artikel. Mir geht es im Augenblick genauso. Ich habe von meinem Projekt erzählt und will gar nicht mehr daran weiter schreiben. Gleichzeitig habe ich dafür gesorgt, dass ich es weiter schreiben muss. Eine wenig erfreuliche Zwickmühle.

    Freundliche Grüße,
    Feder

  • gcroth sagt:

    Genau, das ist eine Zwickmühle. Einmal ausgeprochen, wird der kreative Prozess, der eigentlich frei geflossen ist, plötzlich zu einem Projekt, dass man fertigstellen MUSS, weil man es angekündigt hat. Man schreibt plötzlich unter dem Erwartungsdruck, den man sich selbst eingebrockt hat. Unbedingt merken für zukünftige Arbeiten.!

  • Top Dollar sagt:

    Super Artikel! Mittlerweile habe ich gemerkt, dass ich an einer Variation dieses Symptoms leide, die ich mir nicht erklären kann: Von einem Projekt zu erzählen, behindert mich seltsamerweise nicht im Schreiben, auch wenn ich Plotpunkte oder so verrate. Was für mich halt dennoch der Killer ist, ist, wenn ich jemandem eine Leseprobe gebe. Das ist bei mir der sichere Tod für einen Roman. Ich kann mir das selbst nicht erklären, da ja laut dem Artikel und logischerweise der Schaden schon angerichtet ist. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich beim mündlichen Erzählen kein Überflieger bin und deshalb das eigentliche Werk unangetastet bleibt. Oder dass ich erst von Geschichten erzähle, bei denen ich glaube, mir sicher zu sein (ist aber auch schon in die Hose gegangen…).

  • Ich kann mir gut vorstellen, in welche Zwickmühke man geraten kann, wenn man schon vor Beendigung des Projektes darüber spricht.
    Ich erzähle deshalb erst von meinen Geschichten, wenn ich schon eine gewisse Vorstellung habe. Vorher gibt es nur die Auskunft “Ja, ich habe da schon eine Idee …” – mehr wird nicht verraten.
    Zudem spreche ich nur mit einzelnen, besonders vertrauten Personen über meine Ideen.
    Die Wirkung ist für mich dann eine andere: Beim Erzählen breitet sich die Geschichte vor mir aus, wird lebendig, Ungereimtheiten fallen auf und Lösungen drängen sich auf. Auch in mir baut sich ein Druck auf, aber weniger ein Leistungsdruck als das dringende Bedürfnis, die Geschichte endlich rauszulassen ;-)